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Die Transformation Estlands – Die Geschichte der Entwicklung der ehemaligen Sowjetrepublik zu einem der modernsten Staaten Europas

1991 wurde Estland unabhängig von der Sowjetunion. Seitdem hat sich das Land in den Bereichen Infrastruktur, Wirtschaft, Digitalisierung und Bildung einer erstaunlichen Transformation unterzogen. Längst hat es in diesen Bereichen viele andere europäische Marktwirtschaften überflügelt. In den Bereichen Digitalisierung und Bildung ist Estland sogar Vorzeigebeispiel, das nicht nur europaweit, sondern weltweit Interesse auf sich zieht. Um mich über den Standort Estland zu informieren und vor Ort die Entwicklung des Landes unter die Lupe zu nehmen, besuchte ich im Mai 2019 für eine Woche Estland. Ich war dort Teilnehmer der Latitude59, nach eigener Aussage das Flaggschiff-Start-up- und Tech-Event der ersten digitalen Gesellschaft der Welt.

Geschichte und Bevölkerung in Estland

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Zwei Fähren verlassen Estland Richtung Skandinavien. (Bild: © Patrick Müller / TCI GmbH)

Estland war lange Zeit unter fremder Herrschaft: Deutsche Ordensritter, Dänen, Schweden und Russen beherrschten das Land zwischen dem 13. Jahrhundert und Beginn des 20. Jahrhunderts. Erst nach dem 1. Weltkrieg wurde die Republik Estland 1918 ein unabhängiger Staat. Diese Unabhängigkeit wurde nach dem zweiten Weltkrieg durch die sowjetische Besetzung für ein halbes Jahrhundert unterbrochen, bis das Land 1991 erneut unabhängig wurde.

Estland hat in der Hauptstadt Tallinn einen nach Norden ausgerichteten Fährhafen und eine zunehmende Verflechtung mit Helsinki, das sich direkt auf der anderen Seite des Finnischen Meerbusens befindet. Estland sieht sich weniger als Teil des Baltikums, sondern orientiert sich mehr in Richtung Skandinavien.

Estland ist seit 2004 Mitglied der EU und der NATO und seit 2011 Mitglied der Eurozone. Estland hat gut 1,3 Millionen Einwohner (Januar 2018). Hauptstadt und größte Stadt Estlands ist Tallinn.

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Plattenbausiedlungen im Nordosten von Tallinn. (Bild: © Patrick Müller / TCI GmbH)

Neben der estnischen Mehrheit (69%) gibt es eine große russische Minderheit (25 Prozent) in Estland, die dort in den Jahrzehnten sowjetischer Herrschaft angesiedelt wurden. Es ist bisher noch nicht ausreichend gelungen, die in der Zeit der Sowjetunion eingewanderten Einwohner ausreichend zu integrieren. So besitzt ungefähr etwa die Hälfte der russischsprachigen Einwohner Estlands keinen estnischen Pass. Zudem sprechen viele die estnische Sprache nicht und leben in eigenen Stadtbezirken.

Unter den Jüngeren wächst mittlerweile die Erkenntnis, dass die estnische Sprache und die Integration notwendig sind, um im Land erfolgreich zu sein. Die älteren Russischsprachigen, die den Schritt noch nicht vollzogen haben, werden das auch in Zukunft nicht mehr tun: Sie bleiben sozusagen in einer Parallelwelt.

 

Die estnische Wirtschaft hat sich rasant entwickelt

Estland gilt als ein Paradebeispiel für den Übergang einer sozialistischen Planwirtschaft hin zu einer freien Marktwirtschaft. Unter den osteuropäischen Ländern waren die baltischen Staaten diejenigen, die in den 1990er Jahren

  • ihre Wirtschaftsstrukturen am radikalsten liberalisierten und privatisierten,
  • ihre Wohlfahrtsstaaten am stärksten abbauten
  • die geringste öffentliche Verschuldung anhäuften.

Dies gelang ihnen trotz der tiefen wirtschaftlichen Krise zu dieser Zeit. Estland nahm in diesem Prozess eine Vorreiterrolle ein. Die entscheidenden vorbereitenden Schritte für ein radikales neoliberales Modell erfolgten zur Regierungszeit von Premierminister Mart Laar, der von 1992 bis 1994 im Amt war.

Bereits nach sechs Jahren Unabhängigkeit gelang es den Esten, das Land dermaßen umzugestalten, dass die EU-Kriterien für eine funktionierende Marktwirtschaft erfüllt waren. So konnten schon 1997 die Beitrittsverhandlungen mit der EU beginnen. 2004 erfolgte dann der Beitritt im Zuge der EU-Osterweiterung.

In der globalen Wirtschaft- und Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 erlebte das Land einen tiefen Einbruch. Durch eine solide Finanzpolitik, Senkung öffentlicher Ausgaben und von Löhnen gelang Estland eine rasche Erholung. So konnte Estland bereits 2010 die Stabilitätskriterien für die Aufnahme in den Europäischen Währungsverbund erfüllen, und seit dem 1. Januar 2011 ist der Euro die nationale Währung Estlands.

Wichtige Voraussetzung für das Wirtschaftswachstum war die Privatisierung der baltischen Banken an ausländische Investoren, das Schaffen einer freien Außenhandelsordnung und ein modernes Steuersystem.

Industrie in Estland

Die bedeutendsten Industriezweige in Estland sind der Abbau von Ölschiefer, die Holz-, Papier- und Möbelindustrie und die Nahrungsmittelindustrie. Weitere wichtige Branchen sind die Elektroindustrie sowie der Maschinen- und Fahrzeugteilebau.

Der Bereich an IT- und Technologie-Start-Ups ist in Estland in den letzten Jahren rasant gewachsen. Vier Unicorns, also Start-Ups mit mehr als einer Milliarde Euro Marktkapitalisierung, haben Wurzeln in Estland.

Bau und Infrastruktur in Estland

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Der Platz im Rotermann-Viertel in Tallinn. (Bild: © Patrick Müller / TCI GmbH)
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Das Rotermann-Viertel in Tallinn. (Bild: © Patrick Müller / TCI GmbH)

Estland verfügte zu Beginn der Unabhängigkeit über viele schöne alte Gebäude, die aber dringend sanierungsbedürftig waren. Knapp drei Jahrzehnte später findet man immer noch einige Ruinen in den Stadtbildern von Tallinn und Tartu. Die meisten Gebäude sind aber mittlerweile aufwändig saniert und modernisiert.

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Kesku, was so viel bedeutet wie Zentrum: Ein Shopping-Center in Tartu. (Bild: © Patrick Müller / TCI GmbH)

Gleichzeitig verfügen die großen Städte, insbesondere Tallinn und Tartu, über eine Reihe von modernen Hochhäusern, Bürogebäuden und Hotels. Viele dieser Gebäude sind mit Hilfe ausländischer Investoren entstanden, zum Beispiel aus Großbritannien, Irland oder auch aus Israel.

Verkehr in Estland

Wenn man direkt nach Estland kommt, landet man in Tallinn auf einem modernen Flughafen. Dieser wurde bereits 1936 eröffnet, 1989 begann der internationale Flugverkehr. 2008 wurde dann der Umbau des Flughafengebäudes abgeschlossen.

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Wartebereich im Terminal des Tallinner Flughafens. (Bild: © Patrick Müller / TCI GmbH)

Das Gebäude ist modern und gemütlich und wirkt nicht so steril wie die meisten Flughäfen auf der Welt. Man findet dort Tischtennisplatten und ein Klavier zur freien Nutzung und Spielbereiche für Kinder. Die Esten zeigen sich generell als ein sehr kinderfreundlich, was man auch an anderen Orten feststellen kann, wie zum Beispiel in Restaurants.

Tallinn verfügt über ein modernes und gut ausgebautes Netz für den öffentlichen Nahverkehr. Straßenbahnen und Busse verkehren regelmäßig. Für Einheimische ist die Nutzung kostenlos, wir bezahlten insgesamt sechs Euro für fünf Tage. Das Zahlungssystem basiert auf Chipkarten, die mit Guthaben aufgeladen werden.

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Moderne Triebwagenzüge verkehren auf dem estnischen Bahnnetz. (Bild: © Patrick Müller / TCI GmbH)
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Berührungsloses Lesegerät im Zug. (Bild: © Patrick Müller / TCI GmbH)

Estland verfügt über ein Bahnnetz, auf dem moderne Triebwagenzüge verkehren. Auch hier reisen die Esten mit Chipkarte ähnlich wie beim Verkehr innerhalb von Tallinn, es lassen sich aber auch Tickets über das Internet kaufen, die einen QR-Code enthalten, der dann von den Zugbegleitern gescannt wird. Der Ticketkauf ist auch im Zug selbst möglich.

Leider ist nicht das ganze Land ist für den Personenverkehr erschlossen. Jedoch besteht einmal täglich eine Direktverbindung nach Moskau. Will man nach Lettland, muss man allerdings auch heute noch an der Grenze umsteigen.

Auf beiden Seiten des Meeres haben sowohl die Esten als auch die Finnen längst Planungen zu einem Tunnel aufgenommen, der Finnland und das Baltikum und restliche Europa besser miteinander verbinden soll. Parallel dazu gibt es Planungen zu einer Rail Baltica. Dabei handelt es sich um eine Eisenbahnverbindung, die von Warschau über Kaunas und Riga nach Tallinn – mit Anschluss nach Helsinki – führen soll.

Estland: Vorreiter der Digitalisierung

Nach diesem allgemeinen Einblick in das baltische Land geht es im zweiten Teil des Beitrags um die herausragenden Besonderheiten, die Estland im Bereich der Digitalisierung geschaffen hat. Dies betrifft nicht nur die Digitalisierung in den Unternehmen, sondern auch das Bildungswesen und den digitalen Staat als Ganzes. Hier geht es zu Teil Zwei: Digitalisierung und Bildung in Estland: Ein leuchtendes Vorbild in der digitalen Transformation eines ganzen Landes!

 

(Coverbild: Die Skyline von Tallinn; Bild: © Patrick Müller / TCI GmbH)

Patrick Müller