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Digitalisierungsgrad: Wie digital ist Deutschland?

Laut einer McKinsey-Studie nutzen deutsche Wirtschaftsunternehmen nur 10 Prozent des Potenzials, das sich ihnen durch die Digitalisierung erschließt – und verschenken dadurch 500 Milliarden Euro. In Sachen Digitalisierung besteht also noch Aufholbedarf. Hier steht Deutschland nicht allein: auch andere EU-Staaten bewegen sich bestenfalls im Mittelfeld. Vorreiter sind die USA, doch auch dort gibt es noch viel Luft nach oben. Den Digitalisierungsgrad deutscher Unternehmen misst eine aktuelle Studie (Juni 2017) des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) – und kommt dabei zu vorsichtig optimistischen Ergebnissen.

Repräsentative Umfrage ermittelt Digitalisierungsindex

Im Auftrag des BMWi untersuchten Kantar TNS und das ZEW Mannheim in einer repräsentativen Umfrage bei 1.021 Unternehmen verschiedener Größen und Branchen den Digitalisierungsgrad. Der Begriff „Digitalisierung“ umfasst dabei für die Studienautoren diese Elemente:

  • veränderte Geschäftsmodelle
  • veränderte Unternehmensprozesse
  • neue Schnittstellen zum Kunden
  • Dienstleistungen durch die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien

Die Studienergebnisse werden im Wirtschaftsindex DIGITAL zusammengefasst. Eine Zahl zwischen 0 (keinerlei Digitalisierung) und 100 (vollständige Digitalisierung) zeigt an, wie weit die Digitalisierung fortgeschritten ist. Mit einer Prognose bis zum Jahr 2022 wagt die Studie auch einen Blick in die nahe Zukunft.

Digitalisierungsgrad unterscheidet sich je nach Unternehmensgröße

Der durchschnittliche Digitalisierungsgrad der deutschen Wirtschaft liegt bei 54 Punkten und bewegt sich damit im Mittelfeld. Der Mittelstand liegt mit 52 Punkten knapp unter dem Durchschnittswert, Großunternehmen (250 Beschäftigte und mehr) genau im Durchschnitt. Kleinstunternehmen (0-9 Beschäftigte) erreichen ebenfalls 54 Punkte. Bei ihnen wird das Digitalisierungstempo jedoch in den nächsten 5 Jahren abnehmen, während der Mittelstand an Tempo zulegen wird.

Fortschritt je nach Branche verschieden

Die jetzige und zukünftige Vorreiter-Branche in Sachen Digitalisierung ist die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) mit einem Wert von 78 Punkten im Index. Als einzige Branche erreicht sie damit einen hohen Digitalisierungsgrad (70 Punkte und mehr).

Überdurchschnittlich digitalisiert (54-69 Punkte) sind die wissensintensiven Dienstleister mit 65 Punkten, die Finanz- und Versicherungsdienstleister mit 59 und der Handel mit 54 Punkten im Digitalisierungsindex. Für den Handel prognostiziert die Studie bis 2022 einen Anstieg um 8 Punkte. Damit ist in dieser Branche das Tempo am höchsten.

Einen mittleren Digitalisierungsgrad (40-53 Punkte), der unter dem Durchschnittswert von 54 Punkten liegt, weisen die Branchen Energie- und Wasserversorgung (45 Punkte), Maschinenbau (45 Punkte), Chemie und Pharma (45 Punkte), Fahrzeugbau (44 Punkte), sonstiges verarbeitendes Gewerbe (40 Punkte) sowie Verkehr und Logistik (40 Punkte) auf.

Schlusslicht im Ranking bildet das niedrig digitalisierte Gesundheitswesen mit lediglich 37 Punkten. Den letzten Platz wird die Branche in den nächsten Jahren wohl auch beibehalten.

Potenziale besser nutzen

Der Großteil der befragten Unternehmen sieht in der Digitalisierung eher eine Chance als eine Gefahr. Viele positive Effekte konnten bereits durch die Digitalisierung erzielt werden:

  • 68 Prozent der Unternehmen gaben an neues Wissen erworben zu haben
  • 47 Prozent erzielten Kostensenkungen
  • 38 Prozent konnten sich neue Kundengruppen erschließen
  • 37 Prozent vergrößerten durch digitale Dienste ihr Leistungsangebot
  • 28 Prozent entwickelten neue Dienstleistungen und Produkte
  • 21 Prozent entwickelten neue Geschäftsmodelle
  • 19 Prozent entwickelten Partnerschaften

Trotz dieser positiven Effekten werden Innovationspotenziale nur in sehr geringem Ausmaß von den Unternehmen genutzt. Themen wie Industrie 4.0, Smart Services und das Internet der Dinge, Kooperationen mit Startups, Künstliche Intelligenz oder Big Data spielen bislang kaum eine Rolle. Dies mag auch daran liegen, dass Unternehmen sich im Zusammenhang mit der Digitalisierung noch mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert sehen: Beim Innovationspotenzial dürften vor allem die Fragen der Datensicherheit (Stichwort Big Data-Nutzung in sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitswesen), das strategische Angehen der Digitalisierung über alle Unternehmensbereiche hinweg sowie der kulturelle Change-Prozess im Hinblick auf Vernetzung und den Abbau hierarchischer Strukturen im Unternehmen eine Rolle spielen.

Forderungen an die Politik

Um die Digitalisierung besser vorantreiben zu können, fordern Unternehmen von der Politik

  • das Vorantreiben des Breitbandausbaus (86 Prozent)
  • die Schaffung eines digitalisierungsfreundlichen rechtlichen Rahmens (81 Prozent)
  • Förderung des Transfers von und Zugangs zu Wissen (79 Prozent)
  • den Ausbau von Weiterbildungs- und Qualifizierungsangeboten (69 Prozent)
  • die Unterstützung von Kooperationen zwischen jungen (Startups) und etablierten Unternehmen (65 Prozent)
  • die Beseitigung des Fachkräftemangels (63 Prozent)
  • Investitionen in die Forschung zur digitalen Transformation (62 Prozent)
  • Bereitstellung von Fördermitteln für unternehmensinterne Digitalisierungsmaßnahmen (54 Prozent)

Fazit: Auf der Hälfte eines guten Weges

Insgesamt ist die Digitalisierung in Deutschland auf einem guten Weg. Der Trend geht klar in die Richtung Ausbau der Digitalisierung: die Kommunikation zu Kunden und Geschäftspartnern ist vernetzt, Produkte und Dienstleistungen werden zunehmend digital und die Folgen der Digitalisierung werden vor allem positiv wahrgenommen.

Dennoch bestehen weiterhin Herausforderungen und Potenziale werden noch nicht vollständig ausgeschöpft. Die Richtung ist jedoch klar: Für die kommenden Jahre ist der weitere Ausbau der Digitalisierung zu erwarten, in allen untersuchten Branchen wird der Index weiter ansteigen. Mit der Unterstützung der Politik und mutigen Unternehmenslenkern wird Deutschland auf dem Weg zur digitalen Vernetzung jedoch auch weiterhin gut vorankommen.

 

(Coverbild: © .shock | fotolia.com)

Oliver Foitzik