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Was Digitalisierung und GDEW für Energieversorgungsunternehmen bedeuten – Interview mit Ines Muskau und Ernst Kiel

Seit fast zwei Jahren ist das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende (GDEW) beschlossene Sache. Für die Energieversorgungsunternehmen (EVU) ist damit enormer Handlungsdruck entstanden. In diesem Kontext haben die beiden TCI-Partner Ines Muskau (IMU) und Ernst Kiel (EKI) kürzlich einen umfangreichen Aufsatz im Buch „Im Fokus: Der grundzuständige Messstellen- und Gateway-Administrator“ veröffentlicht. Dieser widmet sich den Strategien und Handlungsoptionen für den Bereich Messstellenbetrieb eines EVU widmet, von Kooperationen über Übernahme beziehungsweise Übertragung des Betriebs bis hin zu Outsourcing und weiteren Optionen. Neben ihrer weiteren gemeinsamen Publikation zum Enterprise Transformation Cycle stellen sie sich auch zu den Herausforderungen für Energieversorger durch die Digitalisierung den Fragen der TCI-Redaktion. In Teil Eins der Interviewreihe geht es vorrangig um die Veränderungen, die durch die Digitalisierung der Energiewende auf die EVU zukommen, und was Verbraucher erwarten können.

Die Energieversorger stehen durch die Digitalisierung unter Handlungsdruck

Schönen guten Tag Frau Muskau und Herr Kiel, die neuen Auflagen in der gesetzlichen Grundlage bedeuten tiefgreifende Veränderungen für Energieversorgungsunternehmen (EVU). Mit welchen Herausforderungen und Risiken sehen sich EVU im Zuge des „Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende (GDEW)“ effektiv konfrontiert?

IMU: Die Energiewirtschaft ist die einzige Branche, die per Gesetz „gezwungen“ wird, die Digitalisierung voranzutreiben. Viele EVU beschäftigen sich natürlich in der einen oder anderen Form schon lange mit Digitalisierungsprojekten, doch im Smart Metering wird nun der Handlungsdruck forciert.

Alle Betreiber von Verteilnetzen, und das sind in Deutschland rund 900 Unternehmen, mussten sich bis zum 30.06.2017 entscheiden, ob sie die im GDEW beschriebene Rolle des „grundzuständigen Messstellenbetreibers“ ausprägen wollen, und fast alle haben sich entschieden, die Herausforderung anzunehmen. Damit einher geht jedoch die Verpflichtung, erhebliche Kosten und Risiken auf sich zu nehmen, wie sie mit einem umfangreichen IKT-Projekt verbunden sind.

Die Gestaltungsmöglichkeiten umfassen ein breites Spektrum, von der alleinigen Übernahme aller Aufgaben bis hin zum Outsourcing des gesamten Messwesens. Wir gehen davon aus, dass die meisten EVU/Netzbetreiber in der einen oder anderen Form mit Dienstleistern zusammenarbeiten werden. Diese bieten in der Regel Leistungen an, welche von reinen Software-Installationen über Software as a Service (SaaS) bis hin zu Dienstleistungen im Business Process Outsourcing (BPO) reichen.

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Die Handlungsoptionen und prinzipiellen Geschäftsfeldstrategien in der Übersicht. (Bild: © Ines Muskau / Ernst Kiel / TCI GmbH)

Unabhängig davon, welche Leistung das EVU in Anspruch nimmt, werden gravierende Veränderungen auf das Unternehmen zukommen. Nicht nur die Prozesse im Messwesen und der Zählermontage, sondern viele andere Unternehmensteile, beispielsweise Vertrieb, Kundenservice, Abrechnung, Controlling und Forderungsmanagement werden betroffen sein.

Die dadurch angestoßene Unternehmenstransformation bedarf einer grundlegenden strategischen Planung und Ressourcenzuweisung, um erfolgreich umgesetzt werden zu können. Die finanziellen und auch Reputationsrisiken, die sich aus Fehlentscheidungen ergeben können, sollten an dieser Stelle nicht vernachlässigt werden.

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Die Analyse der aktuellen Position im Geschäftsfeld Messwesen bildet die notwendige Grundlage für die Vorgehensweise am zukünftigen Markt. (Bild: © Ines Muskau / Ernst Kiel / TCI GmbH)

Die Bedeutung der Digitalisierung der Energieversorgung für Verbraucher

Was bedeutet das in den EVU für ihren Umgang mit ihren Kunden als Letztverbraucher, gewerblich wie privat? Ist damit zu rechnen, dass die Kunden mit den verbesserten Erkenntnissen auf Datengrundlagen auch die Ansprüche an die EVU steigen werden?

EKI: Das GDEW wendet sich mit dem verpflichtenden Einbau von intelligenten Messsystemen zunächst an alle Verbraucher, die einen Stromverbrauch von mehr als 6.000 kWh pro Jahr haben und die Stromeinspeiser von erneuerbaren Energien mit einer Leistung von mehr als 7 KW. Dieses sind in Deutschland circa 4 Millionen Zählpunkte.

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Eigentlich eine einfache Aufgabenstellung: Der Messstellenbetreiber administriert die Zähl-/Verbrauchspunkte. Zum Messen werden adäquate Messgeräte eingesetzt und verbindet sie mit einer Kommunikationseinheit. Diese wiederum versendet die Daten an denjenigen, den sie angehen. (Bild: © Ines Muskau / Ernst Kiel / TCI GmbH)

Die Einbaupflicht für intelligente Messsysteme betrifft demnach im Wesentlichen gewerbliche Kunden. Diese haben natürlich ein hohes Interesse, ihren Energieverbrauch besser messen und steuern zu können, da sie unter anderem auch verpflichtet sind, Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte zu liefern. Ferner können sie auf Basis der exakteren Zahlen als Verbraucher auch den Einkauf von Energie zu ihrem Vorteil besser steuern. Damit steigen natürlich die Ansprüche an das EVU als Lieferant. Die Einspeiser können täglich leichter feststellen, wie viel Umsatz sie mit ihrer Anlage erzielen und wie gut ihre Anlage noch funktioniert.

Was ist Ihre Einschätzung: Werden die Unternehmen das GDEW mehr als starke Einschränkung wahrnehmen, oder mehr als konstruktiven Anlass für zukunftsweisende Transformationen im Unternehmen?

IMU: Das ist sehr unterschiedlich. Manche Unternehmen sind sehr innovativ unterwegs und treiben schon seit geraumer Zeit Pilotprojekte voran. Sie setzen auf den dadurch erworbenen Wissensvorsprung, gehen allerdings auch Risiken ein, da sich die technischen Komponenten und auch die Anforderungen an Zertifizierungen ständig weiterentwickeln.

Andere lehnen sich eher zurück und warten ab, bis „fertige“ Lösungen am Markt verfügbar sind. Da die gesetzlichen Vorgaben jedoch mit zeitlich engen Umsetzungsfristen einhergehen, könnten diese Unternehmen dann im Verlauf auf Ressourcenprobleme stoßen, da sowohl die Fertigungskapazitäten für die Geräte als auch die personellen Ressourcen der Dienstleister begrenzt sind.

Wir sehen die Einführung von Smart Metering als wichtige Grundlage für die Digitalisierung der Energiewirtschaft. Die intelligenten Messgeräte liefern die digitalen Daten, auf denen alle weiteren Geschäftsmodelle aufbauen können. Sei es eine automatisierte Netzsteuerung, die auch Schalthandlungen zulässt, Planung der Elektromobilität, Zusammenführung von Anlagen der erneuerbaren Energien zu virtuellen Kraftwerken oder Anwendungen im Bereich von Smart Cities. Smart Metering an sich ist kein ertragreiches Geschäftsmodell, aber die Basis für viele Möglichkeiten.

Hoher Handlungsbedarf für Energieversorgungsunternehmen

Welches Ziel müssen Energieversorgungsunternehmen nun verfolgen, um die Vorgaben nachhaltig sinnvoll umzusetzen?

EKI: Die EVU müssen ihr Geschäftsmodell vom reinen Versorgungsbetrieb ausweiten auf ein Service-orientiertes Angebot für ihre Kunden. Dies beginnt damit, die Zahlen für die Kunden in einem Portal leicht aber auch hinsichtlich des Datenschutzes sicher zu präsentieren und mögliche Entscheidungen sowie Handlungen des Konsumenten beziehungsweise Einspeiser von erneuerbaren Energien zu unterstützen. Hierzu zählt unter anderem bei starken Abweichungen vom normalen Verbrauch / der normalen Einspeiseleistung den Kunden auf die Veränderungen hinzuweisen und beratend zu unterstützen. Das EVU der Zukunft liefert nicht nur Strom, Gas und Fernwärme an den Kunden bis zum Hausanschluss, sondern unterstützt den Kunden bei der optimalen Nutzung der Energie in seiner Liegenschaft. Auch wenn bisherige „Contracting-Modelle“ nicht besonders erfolgreich waren, liegt in diesem Ansatz der Schlüssel zur Kundenbindung und damit zum Geschäftserfolg.

Was sind Ihrer Meinung nach – zunächst noch ganz allgemein gehalten – die größten Chancen der zunehmend digitalen Energiewirtschaft für EVU?

IMU: Die Digitalisierung der Energiewende bietet die Grundlage für die Erschließung weiterer, wirtschaftlich attraktiver Geschäftsfelder. Die Kunden der EVU sind bereit, für echten Zusatznutzen zu zahlen. Dieser muss systematisch unter Einbeziehung der Kunden und auch unter Beachtung der gesetzlichen Rahmenbedingungen entwickelt werden. Hier bietet sich ein breites Feld an Möglichkeiten, um die Diversität der Anbieterlandschaft zu erhalten.

Vielen Dank, Frau Muskau und Herr Kiel, für die interessanten Ausführungen zur Digitalisierung der Energiewende und ihrer konkreten Auswirkungen für die Energieversorgungsunternehmen. Wir freuen uns auf die Fortsetzung des Gesprächs!

Anmerkung der Redaktion: Teil Zwei der Interviewreihe wird in den kommenden Wochen erscheinen und befasst sich mit den Zielsetzungen, den Grundlagen für Smart Metering und intelligentes Netzmanagement sowie den dadurch entstehenden Potenzialen für Energieversorger und Verbraucher.

 

(Coverbild: © Theerapong | stock.adobe.com)

Ines Muskau
Ernst Kiel